Slow Food Travel

Warum wir Slow Food statt Fast Food brauchen

In Naturreiseziele, Pflanzenportraitsby Pflanzenfrau1 Comment

Wenn ich von meinem frisch gepflückten Brennesselsmoothies oder Gierschsuppen erzähle, bekomme ich meist die Reaktion: “Wie schön, das würde ich auch gern, aber mir fehlt die Zeit.”

So ist das nunmal bei Menschen mit Vollzeitbeschäftigung. Ich vestehe, dass man vor und nach normalen Bürotagen nur noch ins Bett will.

Nur manchmal frage ich mich, ob es wirklich keinen anderen Weg gibt, als sein ganzes Leben der Arbeit zu opfern.

Carlo Petrini, der Gründer der Slow Food Bewegung, formuliert es so:
“Unser Jahrhundert, das unter dem Zeichen der Industriegesellschaft begonnen und sich entwickelt hat, erfand zuerst die Maschine und modellierte dann nach ihr das Leben.
Wir sind durch Schnelligkeit versklavt und allesamt dem selben heimtückischen Virus erlegen: Fast Life, der unsere Gewohnheiten beeinträchtigt, unser Privatleben durchdringt und uns zwingt, Fast Food zu essen.
Um seines Namens würdig zu sein, sollte sich der Homo sapiens von der Schnelligkeit trennen, bevor sie ihn zu einer Art verkommen lässt, der das Aussterben droht.”

Wir leben in einer Zeit, in der sich jeder an unmittelbare Bedürfnisbefriedigung gewöhnt hat.

Warten empfinden wir als Zumutung. Wir seufzen gequält, wenn jemand an der Kasse vor uns mit Kleingeld bezahlt. Stau, Zug-Verspätung und Schlangestehen ertragen wir nur schwer.

Aber sind wir von Natur aus so ungeduldige Wesen? Oder haben wir unser Leben und Denken der Produktivität so angepasst, dass wir keine Art von Verzögerung mehr ertragen?

Wenn wir Hunger haben, wollen wir ihn sofort stillen.
Essen ist etwas Lästiges geworden, das uns vom Arbeiten abhält und das wir schnell zwischendurch erledigen.

Aber allein die Essensaufnahme braucht Zeit.
Wenn wir uns nicht genügend Zeit zum Kauen nehmen, verdauen wir nicht gut. Unser Sättigungsgefühl braucht Pausen zwischen den Gängen. Ohne die futtern wir weiter und merken erst viel später, dass wir zu viel gegessen haben.

Unsere Körper sind nicht dafür gebaut, beim kleinsten Hungergefühl sofort zu essen. Wenn wir uns nichtmal die Zeit geben, darüber nachzudenken, ob wir überhaupt Hunger haben, werden wir fett.

Industriell gefertigtes Essen wird möglichst zeit-effizient hergestellt. Brotteig bekommt nicht mehr die Zeit zum Aufgehen. Obst wird unreif geerntet und kann seinen Geschmack nicht entfalten.

slow food

Es gibt Lebensbereiche, die wir nicht beliebig beschleunigen können. Wachstum gehört dazu.

Um in weniger Zeit mehr Erträge einzufahren, wurden Hybridsorten gezüchtet und unter enormen technischen und chemischen Aufwand angebaut. Deren Früchte werden größer, haben aber kaum noch Nährstoffe. So wird selbst Gemüse zu einem Lebensmittel, das nur noch leere Kalorien enthält und keine wichtigen Vitamine mehr liefert.

Hybridsaatgut muss jedes Jahr neu gekauft werden, denn die daraus entstehenden Pflanzen wurden in ihrer Blühbiologie so beeinflusst, dass sie sich nicht mehr auf natürliche Weise vermehren.
Für die Saatgutkonzerne ist das ein großes Geschäft.

Hybridsaatgut Anbau

Hybridsorten: maximaler Ertrag, minimaler Vitamingehalt

Der Anbau von Hybridsorten wird immer größer, denn inzwischen gibt es EU-Richtlinien, die dafür sorgen, dass nur noch möglichst uniform aussehendes Gemüse auf den Markt kommt.
Eine immer gleiche Form und Farbe erreicht man nur noch mit Hybridsorten.
So verschwinden alte Sorten vom Markt, der Verbraucher kann sich nicht mal mehr dafür oder dagegen entscheiden.

Das ist einerseits problematisch, weil mit den alten Sorten ein besonderer Geschmack und eine hohe Vitamindichte verschwindet. Aber auch, weil diese Sorten genau an ihren heimischen Standort angepasst sind. Sie haben “gelernt”, sich gegen heimische Schädlinge zu verteidigen und sich dem lokalen Klima angepasst. Sie brauchen keine Pestizide und können komplett giftfrei angebaut werden.

Samenfeste Sorten in Gefahr

Pflanzenzucht wird seit der Steinzeit betrieben und alte, samenfeste Sorten haben sich über viele Generationen entwickelt.
Wir stehen wie auf den Schultern unserer Ahnen, die ihr Pflanzenwissen immer weitergegeben und -entwickelt haben. Wäre es nicht wie ein Schlag in ihr Gesicht, ihr Erbe einfach zu vergessen?

Slow Food als Antwort auf die Probleme unserer Zeit

Zum Glück gibt es Menschen, die sich gegen die immer mächtiger werdenden Saatgutkonzerne wehren. Teil der Arbeit von Slow Food ist es, alte Sorten vor dem Aussterben zu bewahren.

Slow Food Gemüse

Slow Food hat in Kärnten lange Tradition. Hier wird Brot aus Einkorn, einer alten Getreidesorte, gebacken. Heimische Seeforellen werden gefangen und alte Apfelsorten angebaut.

Wenn wir nicht fett und krank werden wollen, muss Essen Genuss bleiben, kein zeit-effizientes In-sich-Hineinstopfen.

Slow Food Travel Kaernten

In Kärnten ist sogar der Trend des Slow Food Reisens entstanden. Das macht absolut Sinn, denn wer wirklich Erholungsurlaub machen will, braucht Ruhe, heilsame Luft und heilsames Essen gleichzeitig.

Wir unterschätzen immer wieder, welche Auswirkung Essen auf unsere Gedanken und unser Verhalten hat.
Wir vergessen immer wieder, dass es für ein gutes Leben vor allem gute Nahrung braucht.

Eine Reise zum Ur-Mais

In Kärntner Gailtal wohnt auch Sepp Brandstätter. Er hat sich an eine Pflanze gewagt, die es woanders nur noch als Hybridsorte gibt: Mais.
Er rettete den Gailtaler weißen Landmais, den seine Familie seit Generationen angebaut hatte.

Gailtaler Landmais

Sein Kampf für den samenfesten Ur-Mais hat 20 Jahre (!!!) gedauert. Denn seit dem Einzug der “modernen Landwirtschaft” hatte sich niemand mehr um die Qualität der Böden gekümmert. Der Boden die Voraussetzung dafür, dass Pflanzen Nährstoffe enthalten, sie beziehen sie ja über die Wurzeln.

20 Jahre, um ein richtig gutes Lebensmittel herzustellen – besser kann man den Slow Food Gedanken nicht umsetzen

Sepp brauchte allein 10 Jahre, bis wieder Regenwürmer im Boden waren. (Charles Darwin bezeichnete den Regenwurm mal als “den wichtigsten Helfer des Bauern”.) Wo Regenwürmer leben, ist der Boden gesund.

Aber auch mit der Wiederherstellung des Bodens war der Kampf noch nicht zuende.
Jede Maisernte wurde Sepp von Vögeln und Waldtieren streitig gemacht. Den Mais aus Hybridsaat rührten die Tiere nicht an (im Gegensatz zu Menschen wissen die meisten Tiere instinktiv, was gut für sie ist).
Sepp lernte, seinen Mais mit Plastikflaschen und Chili zu schützen, aber immer ohne Chemie.
Es war ein langer Kampf um den Ur-Mais, für den man viel Idealismus, Mut und ein bisschen Sturheit braucht, wie Sepp selber sagt.

Urmais Kaernten

Glutenfreier Ur-Mais

Inzwischen hat Sepp´s Mais viele Erfolgsgeschichten geschrieben. Er ist Held vieler internationaler Berichte geworden, auch weil er komplett glutenfrei und somit für Zölikalie-Betroffene geeignet ist.

Der Gailtaler weiße Landmais ist ein glückliches Beispiel mit gutem Ausgang unter vielen anderen mit traurigem Ausgang. Denn es gibt viele alte Sorten, die niemand gerettet hat.

Wir haben inzwischen 90 % unserer Saatgutvielfalt verloren.

Um das Sorten- Sterben zu beenden, braucht es mehr mutige Menschen wie Sepp und mehr Bewusstsein für das, was wir essen. Vor allem brauchen wir wieder mehr Geduld; Pflanzenanbau, Essen und Kochen sind es wert, Zeit in Anspruch zu nehmen.

Sepp kann seinen Maisgries und sein Maismehl inzwischen gut verkaufen, denn er produziert es 100% glutenfrei. (Mais ist von Natur aus glutenfrei, muss aber auch in der Verarbeitung streng von anderem Getreide getrennt werden, um für Zölikalie-Betroffene geeignet zu sein.)
Hier könnt ihr Sepp´s Mais bestellen

mais samenfest

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