Irschen ist Teil der Slow Food Bewegung, aber eigentlich musste sich hier niemand dafür umstellen.
Hier wird Essen schon immer nach alter Tradition hergestellt. Man legt Wert auf alte Sorten, auf saubere, gesunde und lokale Lebensmittel.
Wenn ich in Hamburg meine Kräuter verarbeite, muss ich lange ausprobieren, bevor etwas gut wird. In meiner Familie gibt es niemanden, der sich für solche Dinge interessiert und der mir Wissen weitergeben kann. Ich hatte eine Oma, die sich fast nur mit Essen aus ihrem Garten ernährt hat. Sie starb, als ich noch zu jung war, um mich für Fermentieren und Einmachtechniken zu interessieren. Heute finde ich es schade, dass ihr Wissen verloren gegangen ist.
In Orten wie Irschen war die Kräutertradition so groß, dass sie der nachfolgenden Tradition immer weitergegeben wurde. Ganz egal, ob sie das interessierte oder ob das Thema gerade in Mode war.
Hier beschäftigen sich die Menschen schon immer mit Heilkräutern und legen großen Wert darauf, ihr Wissen zu bewahren.
Deshalb hat sich das Dorf die Pflanzen zum Leitbild gemacht; Irschen wurde zu Kräuterdorf Irschen umbenannt, mehrere Kräutergärten wurden angelegt und die Bewohner stellen zusammen Kräuterprodukte her. Alles wird mit viel Liebe von Hand geernet und zu Tee, Tinktur und Salbe verarbeitet.
Inzwischen kommen Gäste aus aller Welt, um hier einzukaufen und Kräuterseminare zu machen. Oder wegen dem Kräuterfest, das jährlich am ersten Juliwochenende stattfindet.
So muss niemand aus Irschen in die Stadt abwandern, um im Büro zu arbeiten und kann das uralte Familien-Kräuterwissen weiterleben lassen.
Der Gründer des Kräuterdorfs Eckart Mandler führt mich durch die Kräutergärten in Irschen. Goldmelisse, Muskattellersalbei und Zitronenverbenen verströmen ihren Duft und lassen ihre Blüten in der Morgensonne leuchten.
Spritzmittel werden nicht benutzt, stattdessen werden alte, robuste Sorten angepflanzt, die sich selbst gegen Schädlinge verteidigen können.
Falls auch nach dem Ernten, Sortieren und Trocknen noch ein Käferchen auf dem Kraut sitzt, werden die Kräuter vor dem Verpacken noch kurz gefroren.
Er zeigt mir auch den Schulgarten. Die Kinder bekommen in Irschen Kräuterunterricht und lernen Gärtnern als Schulfach. So bekommt „Lernen fürs Leben“ endlich einen Sinn.
Ich weiß, dass ich mit 15 nichts von Gärtnern und Einmachen wissen wollte. In der Lebensphase, in der wir am lernfähigsten sins, sind wir auch am ungeduldigsten. Aber vielleicht gibt es manchmal Lebensphasen, in denen man sanft zu etwas gedrängt werden muss, sonst bereut man es später. So wie man es bereuen würde, ein Musikinstrument spielen zu lernen und nach Jahren aufzugeben. Nur weil es einem gerade wichtiger erscheint, mit flippigen Freunden im Park die ersten Zigaretten zu rauchen.
In Irschen gehört Kräuterwissen in jeder Lebensphase fest dazu. Kräuterrituale und Erntezeiten sind Teil vom ganz normalen Jahresablauf. Holunderblüten und Preiselbeeren werden für Saft und Sirup geerntet, den man in jedem Restaurant bekommt. Wenn ich losziehe und im Stadtpark Blüten ernte, sorgt das jedes Mal für verstörte Blicke.
Irschen ist außerdem ein wunderbares Beispiel dafür, dass es nicht immer zwingend notwendig ist, zum Arbeiten in die Stadt zu ziehen.
Vielleicht ist dieses Dorf sogar ein absolut zukunftsweisendes Modell. In Zukunft werden immer mehr Büro- Jobs wegfallen und immer mehr Menschen arbeitslos. Was wäre, wenn sie sich wieder auf das besinnen, wozu Menschen urspringlich gemacht sind; nämlich Nahrung beschaffen. Anstatt unsere Nahrungspflanzen skrupellosen Agrokonzernen zu überlassen, können wir uns wieder selbst um sie kümmern.
Wenn wir uns zusammenschließen, ist Selbstversorgung plötzlich nicht mehr utopisch. Ich glaube, im Hinblick darauf, was gerade mit unserer Landwirtschaft passiert, ist sie die einzig vernünftige Möglichkeit.
https://www.slowfood-kaernten.at/was-wir-bewegen/slow-food-gemeinschaft-irschen/

