indianische Waldgeister

Von indianischen Waldgeistern und warum Pflanzen mehr sind als Material

In Pflanzenanwendung, Pflanzenportraitsby PflanzenfrauLeave a Comment

Der brasilianische Künstler Cildo Meireles stellte vor ein paar Jahren sein Werk „ Das Kreuz des Südens“ aus. Dafür wurde ein riesiger weißer Saal in einem Kunstmuseum ausgesucht.
Beim Eröffnen der Ausstellung fanden die Besucher den Saal vollkommen leer vor. Bis auf den Titel des Werks, der an der Wand stand.

Oder gab es hier doch noch irgendwo etwas zu entdecken? Gab es. Auf dem Boden lag ein 9mm großer Würfel aus Eichen- und Kiefernholz.
Selbst wer ihn sah, wird darin wahrscheinlich nicht das Kunstwerk erkannt haben.

Anders sieht es aus, wenn man weiß, dass man mit den Hölzern Feuer machen kann, wenn man sie aneinander reibt.
Den brasilianischen Ureinwohnern sind beide Bäume heilig, weil aus ihnen Feuer entsteht.
In dem winzigen Würfel wohnt also die ganze Macht der indianischen Götter, viele kosmische Geheimnisse und die Legenden eines ganzen Volkes.

Nur für den, der nicht an Götter und Waldgeister glaubt, gibt es hier nichts zu sehen als einen leeren Raum.

waldgeister

In einer materiellen Welt sind Bäume nur Holzlieferanten. Dann bleibt von ihnen so wenig über, dass man achtlos daran vorbeigeht. 
Sieht man aber ihre Geschichte, sieht man Naturgeist oder Heilkraft in ihnen, dann kann man all das nicht im größten Saal der Welt unterbringen. So viel Bedeutung hätte es plötzlich.

Ich weiß, dass es in unserer jetzigen Welt bestenfalls als leicht verschroben gilt, an Pflanzen- und Waldgeister zu glauben.
Aber so wie es auch bei einem Gott genauso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich ist, dass es ihn gibt, so ist es bei Naturgeistern auch.
Ich glaube, es ist eher eine Entscheidung, ob man an etwas Immaterielles glaubt oder nicht.

Würden wir uns nicht selbst etwas nehmen, wenn wir an gar nichts mehr glauben? Ist eine Welt mit Wundern und ein paar unsichtbaren Wesen nicht die Schönere?

Mir persönlich ist es egal, ob jemand nachweisen kann, dass meine Pflanzen mich hören, wenn ich mit ihnen rede. Allein meine Vorstellung davon macht mir so viel Spaß, dass ich mir sie nicht nehmen lasse.

Wer es nicht schafft, in kleinen Dingen Großes zu sehen, der braucht immer eine weitere Steigerung von dem, was er schon kennt. Genau dahin entwickelt sich unsere Welt gerade. Alles wird schneller, größer, bunter, leuchtender, blinkender.
Was wäre, wenn wir die Kunst wieder lernen könnten, in der Welt um uns mehr zu erkennen als nur das Material, aus dem sie besteht? Wäre das nicht ein erster Schritt in Richtung weniger Konsum und mehr Sinn?

Was ist mit dem Spaziergang am Meer, bei dem man seine Probleme wie Knoten in den Himmel hängt und zusieht, wie der Wind sie wegpustet? Mit dem Sonnenuntergang, bei dem man sich fühlt, als sei man in einem Gemälde gelandet?
Steckt nicht mehr dahinter als Material, Wetterbedingungen und Moleküle? Warum wird immer wieder bestritten, das in dem, was wir als zauberhaft bezeichnen, wirklich Zauber liegt?
zauberbaum

Wissenschaftlich gesehen gibt es keine Wunder. Aber vielleicht vergisst die Wissenschaft, dass die Welt von Sinn zusammen gehalten wird. Wenn man nur das betrachtet, was stofflich nachweisbar ist, wäre ich auch nur ein Haufen Proteinverbindungen.
Selbst wenn man die alle entschlüsselt, hätte man mich nicht erfasst.
Was einen Menschen wirklich ausmacht, kann man nicht auflisten, sondern muss man fühlen.

Viele globale Probleme sind durch einseitiges Wissen entstanden, das jeden Glauben und jedes Wunder ersetzt hat. Wir haben Wissen aber uns fehlt Weisheit. Die Demut, anzuerkennen, das man als Mensch nicht alles wissen kann.
Viele Urvölker haben sie noch immer aber wir lachen sie aus und finden sie primitiv.

Eigentlich ist auch Kunst wie die von Cildo Meireles ein schönes Beispiel dafür, dass man nicht alles erklären kann. Wie würde man die Preise für moderne Kunstwerke erklären? Das Material alleine kann es ja nicht sein. Es muss etwas anderes geben. Etwas, was man nicht in Tabellen schreiben kann (sonst hätte das bestimmt schon lange jemand getan).

Sicher gibt es auch Menschen, die Kunst komplett ananlysierbar finden. In der Schule habe ich gelernt, Gedichte zu analysieren. Sie so lange wie ein Stück Fleisch zu sezieren, bis ich sie ekelhaft fand.
Ich habe mich immer gefragt, welchen Wert es hat, dass ich jetzt weiß, wie viele Kreuzreime es hat.

Man kann auch die wertvollste Literatur wie ein Kochbuch lesen und nur die Zutaten betrachten. Aber warum sollte man das tun, anstatt sich einfach daran zu freuen?
Und: kann man sich noch an etwas freuen, wenn man es zu sehr auseinandergenommen und durchdacht hat?
Kennt ihr das Märchen vom tanzenden Tausendfüßler? Er wurde von einer neidigen Kröte gefragt, wie genau er denn tanze, welches Bein er zuerst vor das andere setzte. Ab dem Tag, an dem er anfing, darüber nachzudenken, tanzte er nie wieder.

Nichts macht unglücklicher als Klugheit und in unserer Welt gibt es eindeutig zu viel davon. Zu viele spaßfreie Besserwisser, zu viele aktenstaubfarbene Gesichter, zu viele graue Herren.

David Foster Wallace hat mal gesagt, dass jeder Mensch an etwas glaubt. Wenn nicht an Gott oder Naturgeist, dann an das Geld, an die Arbeit, die Wissenschaft.
Er hat sehr Recht, denn dort wo wir nicht wissen können, was richtig und falsch ist, fängt Glauben an. Ich weiß, viele Menschen denken, sehr genau über richtig und falsch Bescheid zu wissen. Doch im Grunde sind wir alle nur Architekten unserer eigenen Realität. Das fängt schon damit an, was wir wahrnehmen und was nicht.

pflanzengeist

“Ich sehe was, was du nicht siehst” gilt für jeden von uns, immer und überall. Unsere Wahrnehmung ist selektiv und liefert uns nie das gleiche Bild, das jemand anders von der Welt hat.

Warum sollte man sich da nicht entscheiden, an das Gute zu glauben? An eine Welt mit Wundern und Pflanzen, die Seelen haben?
Ich glaube, wir müssen ein bisschen damit aufhören, Recht haben zu wollen und anfangen, wieder mehr Spaß zu haben.

garten

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